Die Nummer auf dem Telefon verheisst nichts Gutes. Wenn sie selbst anrufen, ist meist etwas Schlimmes passiert. Seit Monaten nur ein Thema in meinem Kopf. Nur eine Sache, die unausweichlich näher rückt. Ein paarmal war es schon knapp. Jedesmal alles stehen und liegen lassen und hinfahren. Ein Leben in Planungsunsicherheit und täglicher unterschwelliger Angst. Und jetzt diese Nummer. Ich fasse mir ein Herz und rufe an. Schlechte Nachrichten. Ich soll mich setzen. Ich bin ganz Ohr. Nein, es ist nicht das was ich befürchtet habe. Statt “nach einem langen erfüllten Leben…” wird jetzt “plötzlich und unerwartet…” in der Zeitung stehen. Ein Kreuz am Straßenrand. Ein gebrochenes Vaterherz, eine Familie erschüttert. Und ich halte den Hörer in der Hand und fühle dumpfe Erleichterung, dass das Befürchtete nicht eingetreten ist, dass der Mensch zu dem ich die starke emotionale Bindung habe, weiterlebt. Ich wundere mich, dass die Bande trotz der Verwandtschaft und gemeinsam verbrachter Jugendtage nicht stark genug waren, um von Entsetzen und Unglauben in ernsthafte Trauer umzuschwenken. Noch nicht zumindest. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis man es realisiert hat. Kann man sowas überhaupt realisieren?