Archive für 24.6.2007

Von Menschen und Tieren…

Wochenende. Ich schwinge mich in bequeme Kleidung. Alte Hose und geländetaugliche Schuhe. Wichtigstes Utensil: Regenjacke. Treffen mit der Gruppe. Ein Bier zur Einstimmung. Unterwegs ein ordentlicher Regenguss und Waten im Schlamm. In Massenabfertigung bekomme ich ein Bändchen um den Arm. Jemand drückt mir ein Programmheft in die Hand und weiter gehts. Aus der Ferne Musikfetzen. Snow Patrol, wie sich leicht feststellen lässt, klingt doch jedes ihrer Lieder gleich langweilig. Kaum angekommen, werden wir fast von den Massen erdrückt. Etwa 55.000 Menschen hat es hierhin verschlagen. Viele davon schon gut angeheitert. Auf den Schock brauche ich noch ein Bier. Die Fantastischen Vier sind ein Highlight, aber noch bin ich zu sehr mit dem Überleben in den Massen beschäftigt, um mich auf die Musik konzentrieren zu können. Der Blick auf die Bühne unmöglich. Dicht bedrängt stehe ich da und überlege mir, ob es nicht effektiver wäre, sich zu Hause hinzusetzen und eine CD zu hören. Besserer Sound, gleiche Sicht und trockene Umgebung - was will ich hier überhaupt? Ein paar Minuten später treten wir den Rückzug an. Jetzt stehen wir so weit von der Bühne entfernt, dass ich aufatmen kann, mich aber frage, ob ich jetzt guten Gewissens behaupten kann, die Fantastischen Vier mal live gesehen zu haben. Meinen Gedanken zum Trotz werden jetzt die Leinwände in Position gebracht und endlich kann auch ich etwas erkennen. Gut. Thomas D zieht sein T-Shirt aus, doch während des ganzen Liedes läuft auf der Leinwand das Video eines Banane kauenden Affen. Ich hatte mir das ja ein bißchen anders vorgestellt. Danach ein Bier und The Good, The Bad & The Queen. Die geringe Fangemeinde hilft der Sicht und ich bin ganz begeistert. Der inzwischen notwendig gewordene Besuch der Dixi-Toiletten lässt mich meine geplante Bier- und Trinkstrategie für das Wochenende überdenken. Entweder so viel trinken, dass es egal wird oder - die Entscheidung fällt leicht, die Erfahrung war zu eklig, die Situation kann nur noch schlechter werden - ab jetzt trinke ich garnichts mehr. Wir stellen uns zwischen beide Bühnen und hören Dolby Surround. Die Beastie Boys nerven von links, Queens of the Stone Age von vorn, The Blood Brothers von rechts. Nichts klingt wirklich hörenswert. Hoffentlich wird es morgen besser…

Samstag: Über Nacht ist mein Plan gereift und bis Mittags zur Vollendung gekommen: Bis 13.oo Uhr habe ich 2 Liter Wasser verdrückt. Ab jetzt halte ich Abstinenz. Gegen 16.30 Uhr sind wir vor Ort. Frank Black ist mein persönliches Highlight des Wochenendes und er enttäuscht mich nicht. Begeistert singe ich mit, genieße die sich kurzzeitig zeigende Sonne und freue mich über die Schnapsleichen um uns herum. Es ist viel entspannter, jetzt wo die Hälfte der Besucher noch im Koma in den Zelten liegt. Arcade Fire gibt mir einen Vorgeschmack auf den Rest des Abends. Schnelle unmelodiöse Gitarrenriffs, nichts zum Wiedererkennen oder mitsingen. Im Coca-Cola-Zelt ist viel Platz. Es ist trocken und warm. Aufatmend finde ich sogar die Band ganz gut. Danach die Manic Street Preachers. Tolle Performance, alle Achtung. Heute schon 3 gute Bands und eine halbe vorhin beim Vorbeilaufen. Immer wieder Regenschauer. Mittlerweile hat sich der Platz in ein einziges Schlammfeld verwandelt. Mit beherztem Schwung spritzt ein besonders lustiger Zeitgenosse Schlamm in die Menge. Heroisch stehe ich im Weg und versuche meine Begleiter zu schützen. Menschen taumeln durcheinander. Männer nutzen jeden sich bietenden Baum, Zaun, Wagen als Urinal. Die fehlenden Lichter im Dixi-Klo und fehlenden Lampen drumherum machen das Pinkeln zum Glücksspiel. Jedes Passieren der Toiletten lässt in mir die Hoffnung aufkeimen, es noch ein paar Stunden aushalten zu können - und es klappt ganz gut. Dehydrierungserscheinungen minimal. Betrunkene tanzen zur Musik, fallen in den Schlamm, rempeln, lachen hysterisch. Interpol übertrifft meine Befürchtungen um ein Vielfaches. Endlose Langeweile macht sich breit und ich spüre pulsierend Panik in mir aufsteigen und eine Stimme in mir schreien, dass ich jetzt weg muss und keinen einzigen weiteren Ton mehr ertragen kann. Das muss man mir angesehen haben, denn schnellen Schrittes werde ich vom Ort der Qual entfernt und in Sicherheit gebracht. Auf der Autofahrt schalte ich durch die Sender - verzweifelt auf der Suche nach Melodie. Der Schlaf ist tief und lang.

Sonntag: Frischen Geistes erwache ich und bin bereit zu neuen Taten… Gut gelaunt finde ich mich auf dem Gelände wieder. Weniger Regen letzte Nacht. Der Schlamm leicht angetrocknet. Noch mehr Schnapsleichen und noch mehr Platz. Man kann sogar auf dem Boden sitzen. Die Athmosphäre viel entspannter als am Vortag. So lassen sich sogar die Editors ertragen und nicht mal schlecht finden. Sonic Youth ist enttäuschend. Die Band hackt auf ihre Gitarren ein, als gälte es einen Lautstärke-Wettbewerb zu gewinnen. Kim Gordon hüpft halb debil auf der Bühne umher, was mir und meinen Begleitern lediglich ein müdes Lächeln und das Lüpfen einer Augenbraue abringt. Das Highlight des Tages werden Me First and the Gimme Gimmes. Obwohl nur eine Coverband, bestechen sie durch Witz, Charme und tolle Interpretationen alter Klassiker. Lautstark singe ich mit und genieße Umgebung, Sonne und Gesellschaft. Danach erhaschen wir noch ein paar Töne von Placebo und machen uns auf den Heimweg. Leider verpassen wir dadurch Pearl Jam, aber wenn die Arbeit ruft gibt es nunmal kein Halten mehr. Im Auto wird der I-Pod angeschlossen und wir singen lautstark mit. Alles in Allem war es wirklich ein schönes Wochenende. Nur zelten hätte ich nicht wollen und hatten wir zum Glück auch nicht müssen…

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