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4.10.2007 von sandra.
Almuth steht im Wohnzimmer der Dethlefsens und holt zu ihrem letzten Coup aus. Sie ist voll in Fahrt und kann es kaum erwarten, Frau Dethlefsen ihre feministischen Ansichten um die Ohren zu hauen, deren unsympatischen Mann in die Schranken zu weisen und sich einmal mehr für Gerechtigkeit gegenüber dem allseits unterschätzten schwachen Geschlecht einzusetzen. Doch gerade als sie ihren ersten Satz hübsch betont, überzeugend und voller Kraft hervorgebracht hat, geschieht etwas Unerwartetes. Beziehungsweise, es geschieht nicht! Herr Dethlefsen, der just in diesem Moment zur Tür hätte hereinkommen müssen, kommt einfach nicht! Unsicher kramt Almuth in ihrem Textrepertoire und besinnt sich auf den Grund ihres Kommens. Frau Dethlefsen müsse unbedingt zur Eröffnung kommen, damit sie den Besuchern zeigen kann, wie gut sie sticken kann! Ein kurzer Dialog folgt, doch dann ist auch hier das Ende der Sackgasse erreicht. Almuth lässt mich im Stich. Verabschiedet sich noch kurz und macht sich daran, das Wohnzimmer zu verlassen. Und ich? Ich stehe auf einer Bühne vor Menschen, die mich eben noch gelobt haben und zittere am ganzen Körper. Fast möchte ich hysterisch auflachen, fast mich Almuth anschließen und einfach abgehen. Doch was dann? Das ganze Stück wäre verloren. Die süße Illusion zerstört. Bemüht beiße ich die Zähne zusammen und versuche, Almuth zurückzuholen. Die Souffleuse unterstützt und flüstert mir Text zu. Ich nehme ihn auf wie ein Ertrinkender der nach einer Planke greift, lege ihn Almuth in den Mund und bringe ihn mit schwankender Stimme hervor - bis ich merke, dass ich den Satz eigentlich schon gesagt hatte. Gezwungen lachend wiegele ich ab, fordere Beteiligung von meinem Gegenüber. Doch sie ist genauso verloren wie ich. Bis endlich die Tür aufgeht und Herr Dethlefsen hereinkommt. Almuth hat sich in die Tiefen meines Hirnes zurückgezogen. Ist beleidigt, lustlos, will nicht mehr. Und ich hangele mich durch die Szene, der Ohnmacht nahe. Würde am liebsten verschwinden und alles vergessen. Endlich fertig, renne ich hinaus, möchte alles hinter mir lassen, Almuth den Rücken kehren, die Schauspielerei vergessen. Wie gehetzt laufe ich meine Kreise, versuche, das Desaster positiv zu sehen, mir Mut zu machen, meinen Puls herunterzubringen. Applausordnung. Schwache Beine tragen mich ohne Überzeugung an den Bühnenrand, erzwingen eine Verbeugung, während meine Augen verschämt Bodenkontakt suchen. Kopfschüttelnd begegne ich der Öffentlichkeit. Und die scheint von alledem nichts bemerkt zu haben! Etwas zu leise sei ich gewesen, sonst war es toll, vernehme ich die Stimmen. Ein Kenner meint, an einer Stelle hätte ich einen Satz ausgelassen - aber sonst…. Einen Satz? Wir haben fast eine ganze Szene übersprungen! Meine Stimme hat gezittert - ich habe es genau gehört! Der ganze Akt war eine reine Katastrophe! Und es ist kaum aufgefallen? Mut kann ich aus dieser Wendung nicht schöpfen. Unaufhörlich pulsiert in mir die Frage, wie realistisch ich einen Charakter verkörpern kann, wenn dieser nur auf wenige Sätze beschränkt ist und so sehr an Stichworten hängt. Bin ich zu unprofessionell, dass ich mich nicht von den Strängen des Textes lösen und dem Charakter entsprechend frei improvisieren kann? Warum habe ich so schnell den Kontakt zu Almuth verloren? Habe ich sie mir doch noch nicht ganz zu eigen gemacht? Wie kann ich sie halten und an mich binden? Werde ich den morgigen Abend überstehen? Schlucken, Augen zu und durch - und diesmal mit und als Almuth. Die ganze Aufführung. Versprochen.
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