Schier fassungslos saß ich gestern in meinem Kinosessel. Ich hatte mich sehr auf die Preview von Free Rainer gefreut. Gerade weil mir das Thema ganz persönlich am Herzen liegt. Doch was ich da zu sehen bekam, sprengte die Grenzen der Geistlosigkeit und erhob diesen Film zum Schlechtesten was ich je gesehen habe. Die Klischees: alle Leute beim Fernsehen koksen und fahren schnelle Autos, Vorstände residieren in palastartigen Büros und fahren Kickboard, Arbeitslose sind entweder Ausländer, Knackis, Säufer oder religiös und einen Wohnsitz oder ein nennenswertes Privatleben haben sie auch nicht. Die Story: Ein TV-Produzent hat durch einen Autounfall eine Erleuchtung und erklärt sich zum Weltverbesserer. Auf abstruse Weise manipuliert er die Einschaltquoten, sodass die Sender gezwungen sind, anspruchsvolles Programm auszustrahlen. Dies führt zu einem deutschlandweiten Erwachen und plötzlich sitzen alle im Park und lesen Bücher. Die Umsetzung strotzt nur so vor Unlogik, aufgesetzter Dramatik und Plätte die zum Himmel schreit. Der Hauptdarsteller Rainer (Moritz Bleibtreu) ist TV-Produzent und arbeitet beim Fernsehsender. Allein diese Konstellation ist heutzutage so überholt wie unrealistisch. Die wenigsten Fernsehsender produzieren selbst, sondern lagern aus und beauftragen Produktionsfirmen. Rainer hat einen Autounfall, den er schwerverletzt überlebt. Und plötzlich hat er eine Eingebung und erkennt, dass er ein böser Fernsehmacher ist. Ich frage mich, woher diese Erkenntnis kommen soll. Wer jahrelang voller Überzeugung in seinem Job arbeitet und Millionen scheffelt, wird doch nicht von heute auf morgen ohne besonderen Grund alles in Frage stellen! Und schon garnicht Auto und Wohnung verkaufen, das Geld in einem Köfferchen mit sich herumtragen und wahllos für undurchdachte Projekte verprassen. Nein. Wer es soweit gebracht hat, dürfte über ein höheres ökonomisches Grundverständnis verfügen und sein Geld sinnvoller anlegen - auch und gerade wenn er die Welt verbessern möchte. Dann ist da noch die Hauptdarstellerin (oder auch Quotenfrau), die die ganze Zeit wie ein scheuer Hund durch die Gegend läuft und alle paar Meter einen vorwurfsvollen Blick in die Kamera wirft. Hier und da bricht sie auch weinend zusammen - alles immer schön in Nahaufnahme, dass man jede Träne sieht. Sie spricht reichlich wenig und wenn, dann nur bedeutungsschwangere Sätze, wie: “Bei allen Revolutionen fingen die Probleme mit dem Geld an.” Diese sind dann von Klaviermusik unterlegt, um ihnen mehr Bedeutung zu verleihen. Genau genommen verzerren sie das gesamte Szenario zu einer Groteske, die Ihresgleichen sucht. Eine weiterführende Bedeutung für den Film hat die Dame nicht. Man hätte die Rolle auch komplett streichen können und hätte dem Film damit sicherlich einen großen Gefallen getan.
Doch abseits aller Unlogik, mit der ich hier Seiten füllen könnte, hat mich eine Sache am meisten enttäuscht: Hans Weingartner, seines Zeichens gleichzeitig Drehbuchautor wie Produzent, hat sich nicht die Mühe gemacht, für den Film zu recherchieren. Die einzige Tatsache auf die er sich berufen hat, war die Entstehung der Fernsehquoten. Um diese herum hat er seine eigenen Theorien über Medienwirkung und Massenpsychologie geflochten, im Film seine unqualifizierte Meinung in Tatsachen verwandelt und zum Dogma erhoben. Und er hat damit genau das gemacht, was er in diesem Film anprangert: Schrott - wenn man ihn nur nett verpackt, als etwas Gehaltvolles zu verkaufen, kleine Anhaltspunkte in Tatsachen zu verwandeln und massenwirksam zu machen, damit sich damit viel Geld verdienen lässt. Aber sich einmal hinzusetzen, zu recherchieren, sich beraten zu lassen und zu versuchen, das Thema in ein großes medienkritisches Werk zu verwandeln, war ihm wahrscheinlich zu anstrengend (oder zu teuer? - schließlich fingen bei allen Revolutionen die Probleme mit dem Geld an).
Weingartners Auftritt nach der Vorstellung passte perfekt zum Film. Völlig demotiviert stand er vorm Publikum und fand genauso wenige Worte für sein Werk, wie er Gedanken in selbiges investiert hatte. Er sah aus, als hätte er just 2 Minuten vorher seinen letzten Joint geraucht und murmelte sinnlos, er hätte mit dem Film eigentlich nur ausdrücken wollen, dass man auch mal den Fernseher ausmachen soll. Zumindest das Ziel wird er erreichen - spätestens wenn sein Film auf dem RTL’s Abfallsender VOX gezeigt wird (an den Weingartner ihn schon längst verkauft hat - sicherlich weil er für die Öffentlich-Rechtlichen zu banal und geistlos war, um dort ausgestrahlt zu werden)…..